Mehr als zehn Jahre nach dem sogenannten „Sommer der Migration“ haben wir unsere szenische Lesung „Still Moving“ zur Situation entlang der ‚Balkanroute‘ in Kooperation mit dem CompassCollective in zwei Aufführungen nach Oldenburg und Leer in Ostfriesland getragen. Im letzten Jahr haben wir die Lesung in Zusammenarbeit mit der studiobühneköln entwickelt und im Herbst bereits zwei Mal in Köln gezeigt. Mehr als zehn Jahre nach dem Moment, in dem für kurze Zeit sichtbar wurde, dass Grenzen nicht naturgegeben und unveränderbar sind. Dass Menschen sich bewegen, solidarische Strukturen entstehen und andere Formen des Zusammenlebens denkbar werden.
Die Lesung basiert auf unserem Magazin „8 Jahre nach dem ‚March of Hope‘ – Geschichten von und Perspektiven auf die ‚Balkanroute‘“, das wir vorletztes Jahr veröffentlicht haben. Darin erzählen Menschen von Pushbacks, Lagern, Gewalt und Entrechtung entlang der Route(n) seit ihrer politisch verkündeten Schließung 2016. Gleichzeitig geht es um solidarische Netzwerke in Südosteuropa, um alltägliche Unterstützung, widerständige Praxis und die Frage, wie Menschlichkeit unter den Bedingungen des europäischen Grenzregimes verteidigt werden kann.
Bei der Lesung in Oldenburg blieben viele Stühle leer. Trotzdem, oder gerade deshalb, entstanden intensive Gespräche mit den Besucher*innen. Was haben die Geschehnisse an den EU-Außengrenzen mit unserem Alltag hier zu tun? Wie bleiben wir handlungsfähig in Zeiten von Rechtsruck, Abschottung und populistischer Hetze? Und wie schaffen wir es, langfristig solidarisch zu bleiben, ohne auszubrennen? Diese und weitere Fragen prägten die Diskussionen im Anschluss an die Lesungen, auch in Leer.
In der Kleinstadt war die Veranstaltung besser besucht und gleichzeitig ging es auch dort viel darum, wie wir mehr Menschen erreichen können und wen wir eigentlich erreichen wollen. Geht es darum, möglichst viele Menschen zu überzeugen? Oder braucht gesellschaftliche Veränderung vor allem entschlossene Minderheiten, die sich organisieren, Wissen teilen und konkrete Solidarität aufbauen? Vielleicht liegt die Antwort nicht im Entweder-Oder. Natürlich wünschen wir uns, dass möglichst viele Menschen der rassistischen Normalisierung etwas entgegensetzen. Gleichzeitig haben uns die Abende daran erinnert, dass politische Räume auch dann Wirkung entfalten, wenn sie klein sind. Dass Begegnungen zählen. Dass Diskussionen Spuren hinterlassen. Und dass Menschen oft nicht wegen großer Kampagnen aktiv werden, sondern weil sie irgendwo erlebt haben, dass sie mit ihren Fragen und ihrer Wut nicht allein sind.
Die Zeiten sind hart. Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich immer weiter nach rechts, während Gewalt gegen People on the Move alltäglich geworden ist. Viele von uns erleben Erschöpfung, Ohnmacht und das Gefühl, permanent in der Defensive zu sein. Aber gerade deshalb war es wichtig, gemeinsam in diesen Räumen zu sitzen: zuzuhören, zu diskutieren, Widersprüche auszuhalten und sich gegenseitig daran zu erinnern, dass Solidarität nicht erst dann sinnvoll ist, wenn sie garantiert gewinnt.
Ein Dank gilt allen, die unsere Mini-Tour nach Ostfriesland möglich gemacht und unterstützt haben und allen, die vorbeigekommen und mit uns Gespräch gekommen sind.



